Jetzt, wo das warme Wetter Einzug gehalten hat, schweifen die Gedanken gerne zu Überlegungen, welches Fleckchen Erde man einmal auf dem Pferderücken entdecken könnte. Ungarn, ein Binnenland in Mitteleuropa mit einer glanzvollen Geschichte, gerade auch was Pferdesport angeht, ist ein oft vergessenes, aber lohnendes Ziel für Pferdeliebhaber.

Die Reiterei bildete einen wichtigen Bestandteil der ungarischen Kultur, seit die ersten magyarischen Stämme im 9. Jahrhundert zu Pferd die Karpaten überquerten und sich in der Donauebene niederließen. Und auch heute noch wird die Reitkunst im ganzen Land gewürdigt und geschätzt. 

Zwei Autostunden von Budapest entfernt, im malerischen Bükk-Nationalpark, liegt Szilvásvárad, ein wunderschönes kleines Dorf und Heimat einer der besten Pferdesporteinrichtungen in Ungarn: dem Lipizzanergestüt Szilvásvárad. Das Gestüt ist ein ideales Urlaubsziel für Kultur-, Natur- und Pferdeliebhaber gleichermaßen. 

Österreichisch-ungarische Pferde 

Während die Bedeutung des Pferdes in der modernen Welt immer mehr abnimmt, sind die Tiere in Ungarn nach wie vor ein Symbol des wertvollen kulturellen Erbes. 

In der österreichisch-ungarischen Ära wurden überall im Reich bedeutende Staatsgestüte eingerichtet, die dem Zweck dienten, die lokale Zucht zu verbessern. Viele dieser Gestüte wurden später aufgrund der militärischen und sozialen Umwälzungen sowie der Motorisierung der Landwirtschaft geschlossen, aber einige wenige konnten dank staatlicher Unterstützung überleben. Heute sichern die verbliebenen Gestüte die genetische Vielfalt seltener Pferderassen und bewahren gleichzeitig die traditionellen Werte des Pferdesports. 

Lipizzaner sind in Ungarn eine geschützte Rasse. Diese wurde vor vier Jahrhunderten von der österreichisch-ungarischen Monarchie durch die Kreuzung von importierten spanischen und italienischen Hengsten mit einheimischen Stuten begründet. Heute wird die Rasse meist mit der Spanischen Hofreitschule in Wien in Verbindung gebracht, so dass nur wenige wissen, dass es einst zwei Königliche Spanische Hofreitschulen gab – eine in Österreich und eine in Ungarn. 

Die ungarische Ausbildungsstätte in Budapest war bis 1945 in Betrieb und gleichberechtigt mit der Wiener Einrichtung. Leider setzte der Krieg der Reitschule ein Ende. 

Am 24. März 1945 zog die russische Armee in eine heftige Schlacht um die Hauptstadt, bei der die meisten ungarischen Reiter und Pferdepfleger entweder getötet oder in Kriegsgefangenschaft genommen wurden. Vier Lipizzanerhengste der Schule wurden gestohlen und zum Ziehen schwerer Munition im Kampf eingesetzt (und nie wieder gesehen), achtzehn weitere Hengste wurden von der russischen Armee erschossen und verspeist. 

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Das einzig Gute an dieser schrecklichen Episode war die Vorwarnung, die Oberst Alois Podhajsky in Wien erreichte, der fliehen und einige Lipizzaner aus Piber vor einem ähnlichen Schicksal bewahren konnte. Es gibt Überlegungen und Pläne, irgendwann einmal wieder Lipizzaner-Vorführungen in Budapest zu veranstalten, um die Rasse und die Traditionen der ungarischen Reitkunst weiter zu fördern. 

Das Staatsgestüt Szilvásvárad

Das Gestüt Szilvásvárad bietet interessierten Besuchern eine spannende Mischung aus barocker Kultur, wunderbaren Reiterlebnissen und kreativer Inspiration. 

Das Gestüt beschäftigt 75 Mitarbeiter, die für die Fütterung, Pflege und Ausbildung der rund 300 Pferde auf dem Gestüt zuständig sind. Die Einrichtungen sind in vier Bereiche aufgeteilt: eine zentrale Anlage im Dorf, in der die Pferde trainiert werden und Wettbewerbe stattfinden, einen Stuten- und Fohlenstall, eine Hengststation und ein Anwesen im Csipkéskút-Gebirge für Junghengste mit Unterkünften für das Personal, Ferienwohnungen und riesigen Sommerweiden. 

Die ungarische Regierung hat vor kurzem die vollständige Restaurierung der Gestütsanlagen finanziert, und das neue, verbesserte Reitsportzentrum bietet Platz für Tausende von Zuschauern. 

Die Restaurierung war das größte von Ungarn finanzierte Projekt zur Entwicklung des Pferdesports seit Jahrzehnten und kostete über 21 Millionen Euro. Zu den Anlagen gehören eine internationale Arena mit Flutlicht, große feste Ställe, zwei überdachte Reithallen und eine Geländestrecke von Weltklasse für das Marathonfahren. 

Reiten oder Fahren?

Mit einem großen Netz gut gepflegter Wege durch die einzigartige Naturlandschaft und dank der Abwesenheit hinderlicher Zäune ist das Bükk-Gebirge ideal für Wanderritte. 

Attila, der Chefbereiter des Gestüts, nahm mich mit auf einen schönen Ausritt über die Marathonstrecke außerhalb des Dorfs, die während der Fahrweltmeisterschaft 1984 benutzt wurde. Als freundlicher und aufmerksamer Reiseleiter erzählte mir Attila viel Interessantes über die Gegend, durch die wir ritten. 

Der Bükk-Nationalpark steckt voller Naturwunder, darunter mehr als 1.000 Höhlen, Thermalquellen und Wasserfälle sowie dichte Buchenwälder (bükk steht für „Buche“). Es gibt viele geschichtsträchtige kulturelle Stätten wie Kirchen und historische Gebäude, die man vom Sattel aus bewundern kann. Immer wieder laden offene Wiesen und Weiden zum Traben oder Galoppieren ein. Mein Reitpferd, eine süße zwölfjährige Stute namens Fátyol, bewältigte die steilen An- und Abstiege und vielen Kurven souverän. 

Mutige Reiter können einen abenteuerlichen Ritt mit Übernachtung nach Csipkéskút, nahe der nördlichen Grenze zur Slowakei, buchen. Hier leben die Junghengste in ihren ersten drei Lebensjahren in freilaufenden Herden und genießen den mineralstoffreichen Boden und das hügelige Gelände des Bükk-Plateaus – beides Elemente, die wesentlich zu ihrer mentalen und körperlichen Entwicklung beitragen. 

Wer dem Wanderreiten nicht viel abgewinnen kann, für den sind Fahrstunden auf dem Kutschbock eine tolle Alternative oder ein besonderes Extra dieser Reise. Die Szilvásvárader Gespannfahrer sind in der ganzen Welt für ihre Fahrkunst bekannt. Wenn du schon immer einmal die Leinen in die Hand nehmen wolltest, ist das hier definitiv der richtige Ort, um es einmal auszuprobieren. Spoiler-Alarm: Es ist schwieriger, als es aussieht! 

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Ein Reiterlebnis für alle Sinne 

Manche Reiter möchten im Urlaub einfach nur möglichst viel Zeit im Sattel verbringen. Für andere liegt der Reiz eines Reiter-Urlaubs darin, zu sehen, wie andere bestimmte Dinge machen, und die verschiedenen Sinneseindrücke beim Beobachten, Lernen und im Gespräch mit Gleichgesinnten in einer anderen Umgebung bewusst zu genießen. 

Ein Gestüt zu besuchen anstelle eines rein touristischen Anbieters bietet viel mehr als nur die Möglichkeit, aufzusteigen und loszureiten – es gibt so viel zu entdecken und zu lernen und Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln. 

In Szilvásvárad können die Besucher das Personal bei der Arbeit und beim Training mit verschiedenen Pferden beobachten und sogar ungarischen Husareneinheiten beim Üben mit ihren Kavalleriepferden (ebenfalls Lipizzaner) zusehen. Auf dem Gestüt finden regelmäßig nationale und internationale Wettbewerbe und Veranstaltungen rund ums Pferd statt. Geschichtsinteressierte werden das Lipizzanermuseum mit seiner Sammlung von Ausstellungsstücken, Skulpturen und historischen Sattlerwaren sowie die umfangreiche Sammlung antiker Kutschen zu schätzen wissen. 

Wer im Urlaub nicht reiten oder selbst fahren möchte, kann das Gestüt und seine Umgebung auch auf einer privaten Kutschfahrt mit einem Guide erkunden. 

Nachhaltiger Tourismus 

Im Rahmen eines All-Inclusive-Pakets kann man eine Unterkunft direkt auf dem Gestüt buchen, das nimmt einem die Entscheidung ab, wo man wohnen und was man unternehmen soll, und man leistet gleichzeitig einen Beitrag zum Erhalt der Lipizzaner. 

Das Obergeschoss des Hengststalls wurde sorgfältig renoviert und zu einem kleinen Gästehaus umgebaut. Sieben Zimmer in dem Gebäude aus der Jahrhundertwende wurden restauriert und sind mit Kühlschrank, Schreibtisch und eigenem Bad ausgestattet. 

Ich war einer der ersten Gäste in der neuen Unterkunft und begeistert von der stimmungsvollen Atmosphäre (unten hört man die Hengste wiehern) und von den durchdachten Details im Zimmer, wie den urigen Möbeln mit handgemalten Lipizzanermotiven und den klassischen Reiterdrucken an den Wänden. 

Die Zimmer sind nur 5 Minuten zu Fuß vom Dorfzentrum entfernt, wo man als Besucher eine große Auswahl an Restaurants und Geschäften findet. Es gibt sogar ein nettes Spa, ideal, wenn man einen gemütlichen Wellness-Nachmittag einlegen möchte. 

Das ungarische Essen und der ungarische Wein sind deftig, großzügig und schmackhaft. Auf den Teller kommen zum Beispiel reichhaltige Eintöpfe wie Gulasch, gefüllte Kohlblätter, Lángos (frittierter Teig mit Sauerrahm und Käse) oder frittiertes Gemüse der Saison. Aufgrund der vielen Forellenfarmen in der Nähe sind Fischgerichte sehr beliebt, die oft gebraten (mit Käse oder Soße) oder als würzige Fischsuppe serviert werden. Die meisten Hauptgerichte werden mit einem Köret, einer Beilage oder einem Salat gegessen. Der bekannteste Wein der Region ist Bikaver („Stierblut“), ein trockener Rotwein, der aus mindestens vier Rebsorten hergestellt wird. Ich habe jede Mahlzeit in einem anderen Restaurant eingenommen, da das Dorf so einladend und praktisch gelegen war (ein Luxus für einen Reiturlaub). 

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Anreise:

Der nächstgelegene Flughafen zu Szilvásvárad ist Budapest (BUD). Am einfachsten ist es, am Flughafen ein Auto zu mieten (die Fahrt dauert etwa zwei Stunden). Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen möchte, fährt ein Bus der Firma Volanbusz einmal täglich von Budapest nach Szilvásvárad. Die Fahrkarten kosten zwischen 6 und 9 € und die Fahrt dauert knapp drei Stunden. 

Weitere Informationen findest du unter https://www.menesgazdasag.hu/hu/

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